Sybj Erdnuss - Hiking in Norway

Vom Heimweh zum Fernweh: Mein Weg zur Weltentdeckerin

Als Kind hatte ich oft Heimweh. Eine Übernachtung bei Schulfreundinnen liess ich hie und da spontan platzen, weil ich dann doch lieber Zuhause schlafen wollte. Ich erinnere mich auch heute noch gut an diese Situationen und wie ich mich dabei gefühlt habe. Ich war voller Scham. Denn eigentlich genoss ich die gemeinsame Zeit und es fiel mir schwer zu erklären, warum ich nachts nicht bleiben wollte. Ich war ein eher schüchternes Kind und ich hatte meine Mühe damit, für mich einzustehen. Mit der Zeit gewann ich mehr Vertrauen in mich und meine Umgebung und sammelte positive Erfahrungen: in Schulausflügen, Pyjamapartys und Abenteuern mit Freunden.

Glücklicherweise hatte ich in der Sekundarschule ein Netz von guten Freundinnen, denen ich vertrauen konnte. Langsam begann ich, mir selbst und meinen Fähigkeiten mehr zu vertrauen. Gegen Ende meiner Schulzeit wuchs in mir sogar der Wunsch, die Welt zu bereisen und fremde Sprachen zu lernen. Wohin und wie, und überhaupt, das wusste ich nicht. Sicherlich verhalfen mir die Reisen und Ausflüge mit meinen Eltern und meinen Schwestern dazu, offener und neugieriger zu sein. Und offenbar zog es mich gedanklich schon damals, mit knapp 15 Jahren, in die Ferne.

Heute reise ich alleine um die Welt. Dass ich das einmal tun würde, hätte ich mir als Kind wohl kaum vorstellen können. Wie habe ich mich vom Heimweh geplagten Kind zur Abenteurerin entwickelt?

Snowboarding in Zermatt, Switzerland
Visiting Smögen, Sweden
The city of Riga, Latvia

Indien - Meine Erste Solo-Reise

Mein erstes Solo-Abenteuer führte mich mit 22 Jahren nach Indien. Heute würde ich dieses Unterfangen sogar als Wendepunkt in meinem Leben bezeichnen. Indien überrollte mich mit Farben, Gerüchen, Stimmen, Fülle, Armut und Chaos. Es war laut und leise zugleich, heilig und weltlich, überwältigend und doch vertraut. "That's India, Baby!", war DER Leitspruch eines lokalen Tour Guides.

Auf dieser Reise legte ich zum ersten Mal bewusst das schüchterne Kind in mir ab. Das tat unglaublich gut! Ich musste Entscheidungen treffen, ohne die gewohnte Rückendeckung. Damals gab es noch keine Smartphones und Internet war nur in speziellen Cafés oder Hotels gegen Bezahlung verfügbar. Auch mein Körper wurde gefordert: Die erste Yogastunde zeigte mir, wie biegsam ich war und wie unbeweglich zugleich. Magenbeschwerden und Durchfall gehörten auf der Reise leider auch dazu. Die nie enden wollenden Busfahrten wurden zur Geduldsprobe.

Doch die schwierigen Situationen waren nur ein kleiner Preis für das, was ich gewann: Freiheit, Selbstvertrauen, eine neue Art des Sehens. Für mich war klar, dass dies nicht meine letzte Abenteuerreise sein würde.

Tortuguero National Park, Costa Rica
Warsaw, Poland
Hiking in Bergen, Norway

Und so tat ich es immer wieder

Ich reiste auf sechs Kontinente (die Antarktis fehlt noch) und sammelte Wissen, Erkenntnisse und Erinnerungen. Heute bereise ich die Welt, lebe in fremden Ländern und fühle mich wohl mit dem Ungewohnten und dem Unbekannten. Reisen und fremde Kulturen sind zu meiner Passion geworden und ich liebe es mich auf neue Orte und Geschichten einzulassen.

Heimat bleibt Heimat und natürlich fehlt mir das Zuhause in der Schweiz manchmal: die vertrauten Gespräche mit meinen Eltern, Treffen mit Freunden, Wanderungen in den Alpen und die Verlässlichkeit der Heimat. Das Heimweh ist nicht verschwunden, aber es hat sich gewandelt. Es ist weicher geworden, ein stiller Begleiter. Es fühlt sich nicht mehr so intensiv an wie als Kind. Denn ich habe verstanden: Heimat sind nicht nur Orte, sondern Menschen, Erinnerungen, Vertrauen. Ich habe Vertrauen gegeben und Vertrauen erhalten.

Das überwältigende Gefühl von Heimweh ist dem Fernweh gewichen. Aus dem schüchternen Kind ist eine Weltentdeckerin geworden und ich freue mich auf all das, was noch kommt.

Hiking through the Gastern Valley, Switzerland
Outdoor Week in Uri, Switzerland